Über Windkraft, Distanz und die Vernunft der Entfernung
Die Geschichte beginnt in Blieskastel. Nicht abrupt. Nicht mit einem einzelnen Beschluss. Eher als langsame Verschiebung politischer Wirklichkeit, wie sie kommunale Räume manchmal hervorbringen, wenn aus einem konkreten Konflikt schrittweise eine verwaltete Notwendigkeit wird. Windkraft war im Bliesgau lange kein abstraktes energiepolitisches Projekt, sondern ein räumlich erfahrbarer Eingriff in Landschaft, Sichtachsen und Lebenswirklichkeit. Man sprach nicht über Flächenbeitragswerte oder Planungshoheit. Man sprach über Hügel, Wälder, Rotmilane und darüber, dass sich der Horizont der eigenen Heimat zu verändern begann.
Blieskastel besteht aus insgesamt vierzehn Stadtteilen. Doch die unmittelbaren Konflikte um Windkraft konzentrieren sich seit Jahren auffällig stark auf lediglich zwei Standorte: Böckweiler sowie Webenheim mit den Bereichen Renkersberg und Kettersbergerhof. Während die politische Sprache häufig abstrakt von „der Stadt“, „der Kommune“ oder „der Energiewende“ spricht, verteilt sich die konkrete landschaftliche, akustische und wohnbezogene Hauptlast keineswegs gleichmäßig über das gesamte Stadtgebiet. Akzeptanz entsteht insgesamt leichter, wenn Belastung räumlich konzentriert und zugleich politisch verallgemeinert werden kann. Die unmittelbare Hauptbetroffenheit konzentriert sich auf wenige Räume, während die demokratische Legitimation über die Gesamtkommune erfolgt. Darauf beruht ein wesentlicher Teil der politischen Tragfähigkeit solcher Verfahren.
Damals dominierten die drei Anlagen am Renkersberg oberhalb von Webenheim bereits die Landschaft. Die eigentliche Unruhe aber entstand nahe der Stadtteile Böckweiler und Altheim, wo neue Planungen sichtbar wurden und sich langsam jene Konfliktlinien herausbildeten, aus denen später die Bürgerinitiative „Windkraftfreie Biosphäre Bliesgau“ hervorging. Menschen studierten Karten, diskutierten über Artenschutz, Biosphäre und die Frage, ob die fortschreitende technische Überformung des Bliesgaus überhaupt noch sinnvoll sei. Windkraft erschien damals noch als etwas, über das grundlegend gestritten werden konnte. Auch aus dem Stadtteil Mimbach bildeten sich Initiativen gegen die damaligen Vorhaben. Ansprechpartner wurden benannt, Kontakte entstanden zwischen den betroffenen Ortsteilen, gemeinsame Strategien wurden diskutiert. Direkt an den bestehenden Anlagen am Renkersberg oberhalb von Webenheim fanden gemeinsame Treffen statt, an denen neben Dr. Willi Petri weitere Beteiligte aus den betroffenen Ortsteilen teilnahmen. Dort versuchte man noch, eine gemeinsame regionale Herangehensweise gegen die Vorhaben der Stadt zu organisieren. Die Dinge wirkten damals vergleichsweise klar. Hier Bürgerinitiative. Dort Planung. Hier Landschaftsschutz. Dort Ausbauinteressen.
Die frühen Presseberichte zeigen Dr. Willi Petri aus Brenschelbach als Teil genau dieses Widerstands. Die Rheinpfalz berichtet im März 2021 über Proteste gegen weitere Windenergieanlagen in Blieskastel. Transparente hängen auf den Zuschauertribünen der Würzbachhalle. Petri tritt dort als Mitglied der Bürgerinitiative „Windkraftfreie Biosphäre Bliesgau“ auf. Er spricht über die Belastung kleiner Orte und über ein Verfahren, das aus seiner Sicht in Pandemiezeiten „durchgepeitscht“ werde. „Warum sollen wir für Blieskastel Strom erzeugen?“, fragt er damals öffentlich. Die Rheinpfalz (29.03.2021)
Innerhalb dieser frühen Phase entstanden zahlreiche Texte, Grafiken und regionale Abstimmungen gegen die geplanten Vorhaben im Umfeld von Böckweiler und Altheim. In Brenschelbach plakatierte Dr. Willi Petri entsprechende Hinweise und Darstellungen damals persönlich im Ortsbild. Im Mittelpunkt standen nicht Verfahrensfragen oder juristische Abwägungssystematiken, sondern Landschaft, Biosphäre und Artenschutz. Niemand sprach über Planungshoheit. Niemand über Flächenbeitragswerte. Die entscheidende Frage lautete vielmehr, ob die fortschreitende technische Überformung des Bliesgaus überhaupt sinnvoll sei. Doch gemeinsame Widerstandsbewegungen besitzen ihre eigenen Fliehkräfte. Unterschiedliche örtliche Interessen, unterschiedliche Einschätzungen der Erfolgsaussichten und schließlich auch unterschiedliche politische Rollen begannen die gemeinsame Front langsam zu zerlegen. Aus gemeinsamem regionalem Widerstand wurde zunehmend lokale Perspektive.
Heute erscheint derselbe Name nicht mehr auf Transparenten einer Bürgerinitiative, sondern innerhalb der politischen Struktur der Stadt selbst. Dr. Willi Petri sitzt inzwischen für die CDU im Stadtrat von Blieskastel und tritt zugleich als Pressesprecher der Fraktion öffentlich in Erscheinung. Damit haben sich nicht nur seine politische Rolle, sondern auch seine Einflussmöglichkeiten verändert. Der frühere Gegner weiterer Windkraftvorhaben bewegt sich heute innerhalb jener kommunalen Struktur, die die aktuelle Teilfortschreibung des Flächennutzungsplans politisch begleitet, kommunikativ rahmt und im Rahmen ihrer Planungshoheit verteidigt. Aus der früheren regionalen Gegnerschaft wurde keine unmittelbare Zustimmung, sondern möglicherweise eine Form administrativer Vernunft. Windkraft erscheint nun weniger als grundsätzlich vermeidbares Projekt denn als politisch zu begrenzende Realität.
Die CDU argumentiert dabei bemerkenswert: Wenn die Stadt nicht selbst plane, verliere sie die Kontrolle über die Entwicklung. Dann entschieden Investoren, Gerichte oder übergeordnete Behörden. Die Windkraft erscheint dadurch nicht mehr als politische Überzeugung, sondern als administrativ zu begrenzender Sachzwang. Man akzeptiert Belastung, um größere Belastung zu verhindern. Selbst Natur- und Artenschutz werden nun Teil einer planerischen Steuerungslogik, an deren Ende ausgerechnet jene Flächen übrig bleiben, über die bereits vor Jahren gestritten wurde: Böckweiler, Webenheim, Renkersberg.
Weiterführend hierzu: Die Flächen und der Mythos vom Kontrollverlust der Kommunen
Der Konflikt verlief dabei nie ausschließlich entlang der simplen Linie „für oder gegen Windkraft“. Vielmehr ging es zunehmend um die Frage, nach welchen Maßstäben Planung erfolgt, wie Belastungen verteilt werden und ob Bürgerbeteiligung tatsächlich mehr bedeutet als die spätere Verwaltung bereits getroffener Grundentscheidungen. Interessant ist deshalb weniger die politische Entscheidung selbst als die Veränderung der Perspektive. Denn mit jeder planerischen Konzentration sinkt zugleich die Wahrscheinlichkeit weiterer späterer Windkraftflächen im Umfeld von Brenschelbach. Die unmittelbar wahrnehmbare Belastung konzentriert sich nunmehr auf wenige Stadtteile. Irgendwann stellt sich zwangsläufig die Frage, ob hier nicht auch eine Form politischer Anpassung sichtbar wird, wie sie moderne Verwaltungsverfahren häufig hervorbringen. Nicht unbedingt aus Überzeugung. Vielleicht auch nicht einmal bewusst. Sondern schlicht deshalb, weil sich mit der Zeit die Maßstäbe dessen verändern, was noch als unmittelbare eigene Betroffenheit empfunden wird.
Ein promovierter Physiker argumentiert heute nicht euphorisch für Windkraft, sondern für Planungshoheit und die Begrenzung des als unvermeidbar Erscheinenden. Dort beginnt jene stille Form politischer Vernunft, die moderne Verwaltungswirklichkeit inzwischen so häufig hervorbringt.
Die politische Zustimmung zu großen Infrastrukturvorhaben wächst häufig mit der Entfernung zur unmittelbaren Hauptbetroffenheit.
Petri’s Heil.
