Blieskastel – Deutschlands Forsthauptstadt
Die Stadt Blieskastel trägt seit 2026 den Titel „PEFC-Waldhauptstadt“. Dieser Titel klingt zunächst eindeutig positiv. Er vermittelt den Eindruck, dass hier besonders gut mit der Natur umgegangen wird und dass ökologische Aspekte eine besondere Rolle spielen.
Wenn man sich jedoch genauer anschaut, wie dieser Titel zustande kommt, ergibt sich ein anderes Bild. Die Auszeichnung wird von PEFC Deutschland e.V. vergeben. Dabei handelt es sich um eine Organisation, die selbst Standards für nachhaltige Waldbewirtschaftung festlegt. Nach den Angaben der Stadt erfolgt die Auswahl durch eine Jury, die aus Mitgliedern dieser Organisation besteht. Das bedeutet: Die Organisation legt die Regeln fest, bewertet nach diesen Regeln und vergibt anschließend auch selbst die Auszeichnung. Das ist zunächst kein Vorwurf, sondern eine Beschreibung des Ablaufs. Es ist jedoch wichtig, das zu verstehen, um den Titel richtig einordnen zu können.
Hinzu kommt ein weiterer Punkt, der oft übersehen wird. Im Alltag wird meist vom „Wald“ gesprochen. Gemeint ist damit ein natürlicher Lebensraum mit Pflanzen, Tieren und gewachsenen Strukturen. In Wirklichkeit geht es bei solchen Auszeichnungen aber nicht um den Wald als unberührte Natur, sondern um den „Forst“. Damit ist der bewirtschaftete Bereich gemeint, also ein Gebiet, in dem gezielt eingegriffen wird – etwa durch Fällen, Pflanzen oder Umgestaltung. Systeme wie PEFC bewerten genau diese Nutzung. Sie prüfen also, wie bewirtschaftet wird – nicht, wie naturbelassen etwas ist. Der Titel spricht vom Wald, bewertet wird aber die Art der Bewirtschaftung. Dieses System ist so aufgebaut, dass möglichst viele Flächen teilnehmen können. Deshalb orientieren sich die Anforderungen häufig an dem, was in der Praxis bereits üblich ist. In der fachlichen Diskussion wird deshalb immer wieder darauf hingewiesen, dass viele Kriterien nur begrenzt über die gesetzlichen Mindestanforderungen hinausgehen. Der Unterschied zum gesetzlichen Standard ist oft kleiner, als der Titel vermuten lässt. Auch die Kontrollen sind so organisiert, dass große Flächen erfasst werden können. Dabei wird mit Stichproben gearbeitet, das heißt, nicht jeder einzelne Betrieb wird vollständig geprüft. Das ist praktisch und spart Aufwand, führt aber dazu, dass nicht überall gleich genau hingeschaut wird.
Ein weiterer Aspekt kommt hinzu: Solche Zertifizierungen wirken auch nach außen. Sie helfen dabei, Maßnahmen verständlich zu machen und als sinnvoll erscheinen zu lassen – auch dann, wenn diese Maßnahmen für Bürger sichtbar und manchmal auch einschneidend sind. Der Titel „Waldhauptstadt“ verstärkt diesen Eindruck zusätzlich. Er beschreibt nicht nur eine Auszeichnung, sondern beeinflusst auch, wie diese Eingriffe wahrgenommen werden.
Auffällig ist zudem, wie die Stadt selbst über diese Auszeichnung berichtet. Auf ihrer Internetseite übernimmt sie einen journalistischen Beitrag von E. Schwarz aus der Saarbrücker Zeitung nahezu vollständig und verwendet ihn als eigene Darstellung der Auszeichnung
(Quelle: https://www.blieskastel.de/stadt/aktuelles/aktuelle-meldungen/nachrichten/waldhauptstadt-2026). Dadurch wird eine bereits positiv formulierte Berichterstattung direkt in die offizielle Kommunikation übernommen. Die Auszeichnung wird so nicht nur dargestellt, sondern zugleich bestätigt und verstärkt. Schließlich ist noch wichtig: Die bewirtschafteten Flächen der Stadt unterscheiden sich in diesem System nicht grundsätzlich von anderen. Auch kommunale Flächen werden wie ein „Betrieb“ behandelt und nach denselben Regeln bewertet wie private oder staatliche. Es gibt also keine strengeren Maßstäbe nur deshalb, weil es sich um städtisches Eigentum handelt.
Was verfolgt die Stadt mit dieser Darstellung? Die Eingriffe sind sichtbar. Sie verändern den Bestand, greifen in gewachsene Strukturen ein und werden vor Ort als solche wahrgenommen. Gleichzeitig werden genau diese Eingriffe in ein System eingebettet, das sie als nachhaltig bewertet, auszeichnet und öffentlich hervorhebt.
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- Ist es nicht vielmehr so, dass Zertifizierung, Auszeichnung und Darstellung hier gezielt zusammenwirken, um Akzeptanz für genau diese Eingriffe zu erzeugen?
- Ist es nicht gerade die Funktion dieser Darstellung, die Maßnahmen nicht isoliert erscheinen zu lassen, sondern als folgerichtigen Bestandteil eines anerkannten Systems?
- Und ist es nicht konsequent, dass Kritik an den Eingriffen dadurch an Gewicht verliert, weil sie sich zugleich gegen das System richtet, das diese Eingriffe bestätigt?
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Am Ende lässt sich der Titel daher so einordnen: Er ist keine unabhängige Auszeichnung für einen natürlichen Lebensraum. Er ist das Ergebnis eines Systems, das Bewirtschaftung bewertet – und zwar nach eigenen Maßstäben, mit eigenen Verfahren und innerhalb der eigenen Struktur.
Oder einfacher gesagt:
Ausgezeichnet wird nicht die Natur, sondern die Art, wie mit dem Forst gearbeitet wird.
Und je genauer man sich das anschaut, desto weniger eindeutig ist das Bild, das der Titel zunächst vermittelt.
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Hinweis
Die Stadt Blieskastel verwendet in ihrer offiziellen Kommunikation selbst die Formulierung „Deutschlands Waldhauptstadt 2026“: (https://www.blieskastel.de/stadt/aktuelles/aktuelle-meldungen/nachrichten/blieskastel-wird-deutschlands-waldhauptstadt-2026).
Diese Selbstzuschreibung geht über die eigentliche Auszeichnung als „PEFC-Waldhauptstadt“ hinaus und verleiht dem Titel eine übergeordnete Bedeutung, die aus dem zugrunde liegenden Vergabeverfahren nicht unmittelbar hervorgeht. Zwar ist bekannt, dass mehrere Kommunen am Auswahlverfahren teilgenommen haben und eine Jury innerhalb des Systems die Entscheidung getroffen hat. Eine detaillierte, öffentlich zugängliche Darstellung der konkreten Bewertungsmaßstäbe, eine vergleichende Einordnung der Bewerber oder eine nachvollziehbare Begründung der Auswahlentscheidung ist jedoch nicht ersichtlich. Damit bleibt die konkrete Entscheidungsgrundlage nach außen nur eingeschränkt nachvollziehbar.