Die finnische Infraschall-Studie: Was sie wirklich sagt – und was daraus gerade nicht folgt
I. Schall
Was wir „Schall“ nennen – und warum der Begriff „Infraschall“ bereits sprachlich Fragen aufwirft
Bevor über gesundheitliche Wirkungen, Messwerte und Studien gesprochen wird, lohnt sich ein Blick auf das Wort selbst. Für einen deutschen Muttersprachler ist „Schall“ zunächst etwas Hörbares. Wer an Schall denkt, denkt an einen Ton, ein Geräusch, einen Klang oder auch an Lärm. Mit dem Begriff verbindet sich intuitiv etwas, das das Ohr tatsächlich erreicht.
Genau an dieser Stelle beginnt bereits die sprachliche Spannung des Wortes „Infraschall“. Der Begriff enthält das Wort „Schall“, bezeichnet aber zugleich einen Frequenzbereich unterhalb von etwa 20 Hertz – also einen Bereich, der vom menschlichen Gehör als Ton kaum mehr wahrgenommen werden kann. Physikalisch ist dieser Begriff als Fachwort korrekt. Er beschreibt mechanische Schwingungen beziehungsweise Druckwellen unterhalb der menschlichen Hörschwelle. Sprachlich ist der Ausdruck jedoch für den normalen Leser missverständlich. Denn das Wort „Schall“ ruft intuitiv die Vorstellung von Hörbarkeit hervor, während „Infraschall“ gerade einen Bereich meint, der außerhalb dieser unmittelbaren akustischen Wahrnehmung liegt. Anders gesagt: Nicht die Physik irrt, sondern die Übertragung des Fachbegriffs in das alltägliche Sprachverständnis erzeugt einen begrifflichen Widerspruch. Genau deshalb ist es für die öffentliche Debatte wichtig, zunächst sauber zwischen physikalischer Fachsprache und menschlicher Wahrnehmung zu unterscheiden.
Mit dieser begrifflichen Klarstellung beginnt die eigentliche Frage: Was wurde in der finnischen Studie tatsächlich gemessen – hörbarer Schall, kaum mehr als Ton wahrnehmbare Schwingungen oder deren psychologische Verarbeitung? Wie kann Infraschall überhaupt wahrgenommen werden, und warum wurde seine Wahrnehmung wissenschaftlich untersucht, wenn doch zugleich behauptet wird, dieser Bereich sei für den Menschen nicht hörbar? Gerade an diesem Punkt zeigt sich, wie stark die öffentliche Debatte zur Verkürzung neigt. Die häufig verwendete Aussage, unterhalb von 20 Hertz sei „nichts mehr wahrnehmbar“, beschreibt nicht die wissenschaftliche Position in ihrer Genauigkeit, sondern lediglich eine vereinfachte Alltagsformel. Tatsächlich markiert die Grenze von etwa 20 Hertz keine starre Mauer, hinter der jede menschliche Wahrnehmung endet. Sie bezeichnet vielmehr die ungefähre untere Grenze der klassischen Tonwahrnehmung – also jenes Bereichs, in dem das menschliche Ohr Frequenzen noch als Tonhöhe oder Klang einordnen kann.
Damit ist jedoch nicht gesagt, dass darunter keinerlei Wahrnehmung mehr möglich wäre. Vielmehr endet an dieser Stelle vor allem die unmittelbare Wahrnehmung als Ton. Niedrigere Frequenzen können gleichwohl als Druckgefühl, Pulsation, rhythmische Schwingung oder körperliche Vibration empfunden werden. Gerade bei höheren Pegeln wird in der Fachliteratur beschrieben, dass nicht das Hören im engeren Sinne, sondern das körperliche Empfinden in den Vordergrund tritt. Der Mensch nimmt dann nicht mehr „einen Ton“ wahr, wohl aber eine mechanische Einwirkung auf Ohr, Körper oder Raumgefühl.
Genau deshalb war eine wissenschaftliche Untersuchung dieses Bereichs nicht nur nachvollziehbar, sondern geradezu zwingend. Die eigentliche Fragestellung lautete nicht, ob unterhalb von 20 Hertz noch ein Ton hörbar ist, sondern ob der menschliche Organismus auf solche Schwingungen in anderer Weise reagiert. Untersucht wurden daher nicht allein akustische Eindrücke, sondern auch Druckempfinden, Schlafstörungen, vegetative Stressreaktionen, Herzfrequenzveränderungen und subjektive Belastungswahrnehmungen. Der entscheidende Unterschied lautet daher: Nicht hörbar bedeutet nicht automatisch nicht wahrnehmbar. Genau diese Unterscheidung ist für das Verständnis der finnischen Studie zentral. Sie untersuchte nicht nur, ob Menschen einen Ton hören, sondern ob sie auf sehr tieffrequente Schwingungen körperlich oder psychologisch reagieren.
II. Studie
Die finnische Infraschall-Studie im Faktencheck
In der Debatte um Windenergie wird immer wieder auf eine finnische Studie aus dem Jahr 2020 verwiesen. Häufig wird daraus ein einziger, scheinbar abschließender Satz gemacht: Infraschall von Windenergieanlagen verursache keine gesundheitlichen Beschwerden. Dieser Satz klingt eindeutig, die Studie selbst ist es jedoch nicht. Wer sie tatsächlich liest und in ihren Entstehungszusammenhang einordnet, erkennt schnell, dass ihre Aussagekraft enger ist, als es in politischen Debatten oder öffentlichen Stellungnahmen häufig dargestellt wird.
Bereits der institutionelle und politische Hintergrund ist für das Verständnis wesentlich. Die Untersuchung wurde nicht als freie universitäre Einzelstudie veröffentlicht, sondern im Rahmen eines staatlichen finnischen Forschungsprogramms, das ausdrücklich dazu dient, politische Entscheidungen wissenschaftlich zu begleiten. Verantwortlich war die Staatskanzlei Finnlands. Zeitlich fällt die Beauftragung in die Amtszeit von Juha Sipilä, der der finnischen Zentrumspartei angehörte. Unter seiner Regierung wurde die nationale Energie- und Klimastrategie 2030 verabschiedet, in der der Ausbau erneuerbarer Energien – und damit ausdrücklich auch der Windenergie – als staatliches Ziel formuliert wurde. Veröffentlicht wurde die Studie später unter Sanna Marin von der Sozialdemokratischen Partei, deren Regierung die Klimaneutralität bis 2035 in den Mittelpunkt stellte. Für den Leser ist dieser Zusammenhang deshalb bedeutsam, weil die Untersuchung nicht in einem politisch neutralen Raum entstand, sondern in einem Umfeld, in dem Windenergie bereits Teil einer staatlichen Strategie war.
Ebenso wichtig ist die fachliche Einordnung. In der öffentlichen Wahrnehmung entsteht häufig der Eindruck, es handle sich um eine klassische medizinische Gesundheitsstudie. Tatsächlich lag der fachliche Schwerpunkt jedoch zunächst klar im Bereich der technischen Akustik. Die wissenschaftliche Federführung lag beim VTT Technical Research Centre of Finland, einem technisch-naturwissenschaftlichen Forschungszentrum. Im Mittelpunkt standen Schallmessungen, Frequenzanalysen und die Frage, ob Infraschall technisch in einer Weise erzeugt und unter Laborbedingungen wiedergegeben werden kann, die überhaupt messbare physiologische Reaktionen auslöst. Vereinfacht gesagt: Es ging zunächst darum, was sich technisch messen, simulieren und im Labor reproduzieren lässt. Gerade dieser Punkt ist entscheidend, weil die Untersuchung damit nicht primär aus einer klinisch-medizinischen Fragestellung heraus entwickelt wurde, sondern aus einer technisch-akustischen.
Gleichzeitig wurden psychologische und psychiatrisch orientierte Testinstrumente eingesetzt. Erfasst wurden unter anderem Angstwerte, depressive Symptome, Schlafstörungen und körperlich empfundene Beschwerden. Die Studie untersucht also nicht nur Schall, sondern zugleich die Frage, wie Menschen Belastung wahrnehmen und subjektiv einordnen. Genau hier liegt jedoch ein wesentlicher methodischer Schwachpunkt: Es wurde nicht belastbar geklärt, ob diese psychischen Belastungen bereits vor der Errichtung der Windenergieanlagen vorhanden waren. Anders gesagt, es gibt keinen dokumentierten Vorher-Nachher-Vergleich derselben Personen. Wenn heute erhöhte Angst-, Stress- oder Schlafstörungswerte gemessen werden, lässt sich ohne frühere Vergleichsdaten nicht sicher sagen, ob diese erst durch die Anlagen entstanden sind oder bereits zuvor bestanden. Für jede Aussage über Ursache und Wirkung ist das von erheblicher Bedeutung.
Auch die Auswahl der Untersuchungsgebiete muss genauer betrachtet werden. Die Studie hat nicht zufällig Regionen in ganz Finnland ausgewählt, sondern gezielt Gebiete einbezogen, in denen bereits Beschwerden im Zusammenhang mit Windkraftanlagen bekannt waren. Das bedeutet in einfacher Sprache: Von Anfang an wurden gerade jene Orte betrachtet, an denen es bereits Hinweise auf Probleme gab. Damit bildet die Untersuchung nicht automatisch die allgemeine Lage aller Anwohner von Windkraftanlagen ab, sondern vor allem bereits bekannte Problemregionen. Auch dies schränkt die Übertragbarkeit der Ergebnisse ein.
Ein weiterer methodischer Punkt liegt im Aufbau des Fragebogens selbst. Bereits zu Beginn werden die Teilnehmer darauf hingewiesen, dass Menschen im Umfeld von Windkraftanlagen über Beschwerden berichten, die sie mit Infraschall in Verbindung bringen. In der Wissenschaft spricht man hierbei von einem Priming- oder Framing-Effekt. Gemeint ist damit, dass dem Befragten bereits vor der eigentlichen Frage ein bestimmter gedanklicher Zusammenhang eröffnet wird. Einfach erklärt: Wer zunächst liest, dass andere Menschen unter Schlafproblemen, Druckgefühl oder Unruhe leiden, achtet anschließend häufig stärker auf eigene Empfindungen und ordnet diese eher demselben Zusammenhang zu. Gerade bei subjektiv wahrgenommenen Symptomen ist dies keineswegs nebensächlich, sondern kann die spätere Antwort mit beeinflussen.
Besonders häufig wird schließlich auf den Laborteil der Studie verwiesen. Hier lohnt sich ein genauer Blick auf die Größenordnung. Während die Hauptbefragung mehr als 1.300 Personen umfasste, nahmen am eigentlichen Laborexperiment am Ende lediglich 26 Personen teil. Darunter befanden sich nur 11 Personen, die zuvor selbst Beschwerden berichtet hatten. Das zentrale Ergebnis dieses Laborteils lautet, dass unter den kontrollierten Versuchsbedingungen keine eindeutigen physiologischen Reaktionen nachgewiesen werden konnten, die sich spezifisch dem Infraschall zuschreiben ließen. Gerade dieses Resultat wird in der öffentlichen Debatte häufig als abschließender Gegenbeweis gegen gesundheitliche Beschwerden angeführt.
Genau an dieser Stelle ist jedoch Zurückhaltung geboten. Denn dieses Ergebnis stützt sich auf eine sehr kleine Teilgruppe und auf eine hoch kontrollierte Laborsituation. Es beantwortet in erster Linie die Frage, was unter experimentell reproduzierbaren Bedingungen kurzfristig messbar war. Es beantwortet dagegen nicht abschließend die Frage, wie sich langfristige Belastungen im realen Wohnumfeld, unter Dauerexposition und unter individuell sehr unterschiedlichen Wahrnehmungsschwellen auf Menschen auswirken. Für den Leser muss daraus der klare Schluss folgen: Die Studie ist ein wissenschaftlich relevanter Baustein, aber sie ist kein endgültiger Gegenbeweis gegen Beschwerden von Anwohnern.
Gerade deshalb darf sie nicht als pauschales Totschlagargument gegen Hinweise von Bürgern und Anwohnern verwendet werden. Wer dies tut, verkürzt eine technisch-akustische und psychologisch flankierte Untersuchung auf eine politische Schlagzeile – und genau dieser Verkürzung hält die Studie selbst bei genauer Lektüre nicht stand.
III. Der Schlag in die Magengrube
Warum tiefe Frequenzen nicht nur gehört, sondern körperlich erlebt werden
Wer Zweifel daran hat, dass tiefe Frequenzen auch unterhalb der klassischen Tonwahrnehmung körperlich erfahrbar sein können, möge sich an das nächstbeste Rockkonzert erinnern. Wenn dort der Bassist einsetzt und die 18-Zoll-Subwoofer zu arbeiten beginnen, ist die Wirkung oft nicht nur hörbar, sondern körperlich unmittelbar spürbar. Der Schlag in die Magengrube, das Vibrieren des Brustkorbs, das Druckgefühl im Raum – all dies gehört zur Erfahrung tiefer Frequenzen. Niemand würde ernsthaft behaupten, diese Wirkung sei bloße Einbildung. Gerade hier zeigt sich der entscheidende Unterschied zwischen Hören als Ton und Wahrnehmen als körperliche Einwirkung. Was im Konzert als druckvoller Subbass erlebt wird, ist physikalisch nichts anderes als die Wirkung sehr tiefer Frequenzen auf den menschlichen Körper und den umgebenden Raum.
Der Streit beginnt nicht bei der Frage, ob Windenergieanlagen Infraschall erzeugen. Das tun sie. Der Streit beginnt dort, wo Menschen diese tiefen Schwingungen körperlich wahrnehmen – und andere ihnen genau das absprechen.
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