Zum Inhalt springen

Bias und die Zustimmung zur Windenergie – Warum Ergebnisse entstehen, bevor sie gemessen werden

Die unsichtbare Schieflage

Bias und die Zustimmung zur Windenergie – Wie die Konstruktion der Fragen bestimmte Ergebnisse hervorbringt

In dem Moment, in dem eine Studie als plausibel, methodisch sauber und in sich stimmig erscheint, beginnt das zu wirken, was als Bias bezeichnet wird. Denn was wie ein neutrales Ergebnis erscheint, kann bereits aus der Konstruktion der Fragen hervorgegangen sein – wie ein Beispiel aus einer forsa-Studie zur Windenergie zeigt., kann bereits aus der Konstruktion der Fragen hervorgegangen sein – wie ein Beispiel aus einer forsa-Studie zur Windenergie zeigt.


I. Begriff und Ursprung – die Schieflage als Leitbild

Der Begriff „Bias“ entstammt dem Englischen und bezeichnet eine Neigung oder Schieflage, wobei seine sprachgeschichtlichen Wurzeln auf das altfranzösische biais zurückgehen, das „schräg“ oder „geneigt“ bedeutet, und sich weiter bis zum griechischen epikarsios zurückverfolgen lassen, das eine quer verlaufende oder nicht gerade Linie beschreibt, sodass bereits in der ursprünglichen Bedeutung des Wortes jene Vorstellung angelegt ist, die bis heute seinen wissenschaftlichen Gehalt präzise erfasst.

Auch in der modernen Forschung beschreibt Bias nichts anderes als genau diese Form der Abweichung: eine Entwicklung, die nicht entlang einer neutral gedachten Geraden verläuft, sondern unter dem Einfluss bestimmter Rahmenbedingungen eine Richtung annimmt, ohne dass diese Richtung notwendigerweise ausdrücklich benannt oder auch nur bewusst wahrgenommen würde. Eine Untersuchung kann daher in all ihren Teilen korrekt erscheinen, methodisch sauber aufgebaut, statistisch richtig ausgewertet und formal unangreifbar sein – und dennoch eine innere Neigung aufweisen, die ihre Ergebnisse systematisch beeinflusst, nicht im Sinne eines offenen Fehlers, sondern im Sinne einer strukturellen Schieflage.


II. Fehler und Bias – eine notwendige Unterscheidung

Zur Einordnung ist eine Unterscheidung erforderlich, die in der öffentlichen Wahrnehmung häufig verwischt wird, nämlich die zwischen einem zufälligen Fehler und einem strukturellen Bias, da beide Phänomene zwar zu Abweichungen führen, jedoch in ihrer Wirkung grundlegend verschieden sind. Ein Fehler führt zu Ungenauigkeit, zu Streuung, zu Abweichungen, die sich in unterschiedliche Richtungen verteilen können und die sich – zumindest im statistischen Ideal – mit wachsender Datenmenge relativieren, weil sich zufällige Abweichungen gegenseitig ausgleichen. Ein Bias hingegen wirkt nicht streuend, sondern richtend; er führt nicht zu Unschärfe, sondern zu Einseitigkeit, und gerade deshalb bleibt er bestehen, unabhängig davon, wie groß die Datengrundlage ist, auf der eine Untersuchung beruht, denn mehr Daten, die unter denselben Voraussetzungen erhoben werden, führen nicht zu einer Korrektur, sondern zur Stabilisierung der Schieflage. Der Bias verschwindet nicht durch mehr Daten – er wird durch sie bestätigt.


III. Die Entstehung von Bias – Entscheidungsketten statt Einzelereignisse

Bias entsteht nicht punktuell, sondern in einer Kette von Entscheidungen, die jede für sich notwendig und häufig unproblematisch erscheinen, in ihrer Gesamtheit jedoch eine Richtung erzeugen, die das Ergebnis prägt, ohne dass diese Richtung offen zutage tritt. Diese Entscheidungen betreffen die Auswahl der Fragestellung, die konkrete Formulierung der Fragen, die Struktur der Antwortmöglichkeiten, den Kontext, in dem diese Fragen erscheinen, sowie schließlich die Art und Weise, in der die erhobenen Daten interpretiert und dargestellt werden. Jeder dieser Schritte ist unverzichtbar, doch jeder ist zugleich eine Festlegung – und jede Festlegung entfaltet eine Wirkung, indem sie den Rahmen definiert, innerhalb dessen Antworten entstehen können.


IV. Die Wirkung – Freiheit innerhalb eines Rahmens

Das Charakteristische an einem Bias liegt darin, dass er die Entscheidungsfreiheit nicht aufhebt, sondern den Raum strukturiert, innerhalb dessen diese Freiheit ausgeübt wird, sodass die Entscheidung als frei erlebt wird, obwohl sie unter Voraussetzungen zustande kommt, die nicht neutral sind. Der Befragte denkt über bestimmte Aspekte nach, weil sie ihm vorgelegt werden, während andere Aspekte weniger präsent sind; er gewichtet Argumente, weil sie ihm angeboten werden, während alternative Perspektiven zurücktreten; und er gelangt zu Einschätzungen, die unter anderen Rahmenbedingungen möglicherweise anders ausgefallen wären. Gerade weil dieser Prozess ohne sichtbaren Zwang erfolgt, bleibt er in der Regel unbemerkt.


V. Ein gedanklicher Zugang – der Moment der Verschiebung

Zur Verdeutlichung genügt ein einfacher gedanklicher Zugang, der unmittelbar an die eigene Erfahrung anschließt, indem man sich vorstellt, dass eine scheinbar offene Frage gestellt wird, deren Beantwortung zunächst keinen vorgegebenen Rahmen erkennen lässt, wobei jedoch im Vorfeld dieser Frage ein Kontext gesetzt wird, der die Wahrnehmung verändert, ohne dass dies als Eingriff empfunden werden müsste. Die Antwort bleibt frei, doch sie entsteht nicht mehr unter denselben Voraussetzungen wie zuvor, und genau in dieser Verschiebung liegt der Kern dessen, was als Bias bezeichnet wird.


VI. Ein konkretes Beispiel – die Anwendung im Vollzug

Die zuvor entwickelten Überlegungen lassen sich an einer realen Untersuchung konkret nachvollziehen, die den Anspruch erhebt, die Haltung der Bevölkerung repräsentativ abzubilden. Eine im Herbst 2025 veröffentlichte Studie zur Akzeptanz der Windenergie in Deutschland eignet sich hierfür in besonderer Weise. Gegenstand der Betrachtung ist die Untersuchung „Umfrage zur Akzeptanz der Windenergie an Land – Herbst 2025“, herausgegeben von der Fachagentur Wind und Solar e. V., die auf einer Datenerhebung des Meinungsforschungsinstituts forsa beruht. Die vollständige Studie ist öffentlich zugänglich unter und wird unverändert aus der Website der Fachagentur Wind und Solar eingebunden.:

https://www.fachagentur-wind-solar.de/fileadmin/files/FA_Wind_Studien/FA_Wind_Solar_Umfrage-zur-Akzeptanz-der-Windenergie-an-Land-Herbst-2025.pdf

Wer sich die Zeit nimmt, diese Untersuchung selbst im Detail zu lesen, wird feststellen, dass sie auf den ersten Blick genau das erfüllt, was man von einer solchen Erhebung erwartet: klare Struktur, nachvollziehbare Fragestellungen und scheinbar eindeutige Ergebnisse. Gerade deshalb eignet sie sich als Exempel – weil die entscheidende Erkenntnis nicht aus dem Offensichtlichen entsteht, sondern aus dem zweiten Blick.

An dieser Stelle ist es sinnvoll, die Untersuchung selbst im Original zur Verfügung zu stellen, um dem Leser die Möglichkeit zu geben, die nachfolgenden Überlegungen unmittelbar anhand des zugrunde liegenden Materials nachzuvollziehen und die beschriebenen Strukturen eigenständig zu überprüfen.

Loader Wird geladen …
EAD-Logo Es dauert zu lange?

Neu laden Dokument neu laden
| Öffnen In einem neuen Tab öffnen

Download [649.92 KB]


VII. Der gesetzte Rahmen – Kontext als Ausgangspunkt

Bereits in der zentralen Fragestellung zeigt sich, dass die Bewertung der Windenergie nicht isoliert erfolgt, sondern in einen bestimmten Kontext eingebettet wird, innerhalb dessen der Ausbau als Teil einer übergeordneten politischen Zielsetzung erscheint, sodass die Antwort nicht unabhängig von diesem Rahmen entsteht, sondern sich an ihm orientiert.


VIII. Die Auswahl der Inhalte – der Ausschnitt als Struktur

Im weiteren Verlauf werden Aussagen zur Bewertung vorgelegt, die bestimmte Eigenschaften hervorheben, während andere Aspekte, die ebenfalls Gegenstand öffentlicher Diskussionen sind, nicht in vergleichbarer Weise abgebildet werden, sodass die Entscheidung innerhalb eines strukturierten Ausschnitts erfolgt, der seinerseits die Wahrnehmung beeinflusst.


IX. Verhalten und Deutung – die Verkürzung komplexer Zusammenhänge

Ein weiterer Schritt zeigt sich in der Einordnung gesellschaftlicher Gruppen, bei der aus dem Ausbleiben eines bestimmten Verhaltens auf eine innere Haltung geschlossen wird, obwohl dieses Verhalten von einer Vielzahl von Faktoren beeinflusst wird, sodass aus einer Beobachtung eine Interpretation und aus einer Interpretation eine Kategorie wird.


X. Die Interpretation der Ergebnisse – Auswahl statt Notwendigkeit

Am Ende steht ein quantifizierbares Ergebnis, dessen Bedeutung nicht zwingend festgelegt ist, sondern verschiedene Lesarten zulässt, sodass die Entscheidung für eine bestimmte Interpretation keine mathematische Notwendigkeit darstellt, sondern eine Auswahl, die ihrerseits die Wahrnehmung des Ergebnisses prägt.


XI. Die Schieflage als Erkenntnis

Das betrachtete Beispiel zeigt keinen einzelnen Fehler, sondern die Wirkung eines strukturellen Prinzips, das sich aus der Summe einzelner Entscheidungen ergibt und das Ergebnis in eine bestimmte Richtung lenkt, ohne diese Richtung ausdrücklich festzulegen, sodass Bias nicht als Abweichung von der Methode erscheint, sondern als Teil ihrer Funktionsweise. Und gerade deshalb ist er so schwer zu erkennen, da eine Linie, die nur leicht von der Geraden abweicht, zunächst gerade erscheint, während sich ihre Abweichung erst im Verlauf zeigt, je weiter man ihr folgt. Wer diesen Mechanismus einmal verstanden hat, wird Studien nicht mehr allein nach ihren Ergebnissen beurteilen, sondern nach den Bedingungen, unter denen diese Ergebnisse entstanden sind.

Und genau dort beginnt ein aufgeklärter Umgang mit wissenschaftlichen Aussagen.


XII. Die Lesart – vom Ergebnis zur Struktur

In der abschließenden Betrachtung verändert sich der Blick auf das vorliegende Exempel grundlegend, sobald der Leser den Begriff des Bias nicht mehr als abstrakte Definition, sondern als strukturelles Prinzip verstanden hat, denn die Studie erscheint nun nicht mehr als bloße Sammlung von Ergebnissen, sondern als ein in sich folgerichtiger Prozess, in dem jede methodische Entscheidung – von der Formulierung der Ausgangsfrage über die Auswahl der dargestellten Inhalte bis hin zur Einordnung der erhobenen Daten – eine Richtung vorgibt, innerhalb derer sich die Antworten bewegen können. Der Leser löst sich damit von einer rein ergebnisorientierten Wahrnehmung und richtet seine Aufmerksamkeit auf die Bedingungen, unter denen diese Ergebnisse entstanden sind, sodass die zentrale Fragestellung nicht mehr lautet, was die Studie aussagt, sondern auf welche Weise sie zu dem gelangt, was sie aussagt.

In dieser Perspektive wird erkennbar, dass die einzelnen Elemente der Untersuchung – der gesetzte Kontext, der gewählte Ausschnitt der Argumente, die Einordnung sozialer Gruppen sowie die Interpretation der Zahlen – nicht isoliert wirken, sondern sich zu einer Struktur verbinden, die das Ergebnis nicht zwingend festlegt, wohl aber in eine bestimmte Richtung lenkt.

Gerade darin liegt die eigentliche Wirkung des Bias: nicht in der offensichtlichen Verfälschung, sondern in der stillen Verschiebung der Voraussetzungen, unter denen Aussagen entstehen, sodass das Ergebnis als plausibel erscheint, ohne dass seine Entstehungsbedingungen als gleichwertiger Bestandteil der Aussage wahrgenommen werden. Der Leser erkennt damit, dass die Studie nicht nur misst, sondern zugleich den Rahmen definiert, innerhalb dessen gemessen wird, und dass dieser Rahmen nicht neutral ist, sondern selbst Teil der Aussagekraft der Untersuchung darstellt. Die Konsequenz dieser Einsicht besteht nicht in einer pauschalen Infragestellung der Ergebnisse, sondern in einer veränderten Form des Lesens, bei der nicht mehr allein das Resultat im Mittelpunkt steht, sondern die Struktur, die zu diesem Resultat geführt hat.

An diesem Punkt vollzieht sich der eigentliche Erkenntnisgewinn: Der Leser wird vom Empfänger eines Ergebnisses zum Analytiker seiner Entstehung.


XIII. Die andere Frage – und ein anderes Ergebnis

Die Wirkung des Bias lässt sich besonders klar erkennen, wenn man den Blick nicht allein auf die vorhandene Fragestellung richtet, sondern gedanklich eine alternative Formulierung danebenstellt und sich fragt, welche Antworten unter veränderten Voraussetzungen entstehen würden. Man stelle sich daher vor, die Frage würde nicht im Kontext einer übergeordneten energiepolitischen Zielsetzung gestellt, sondern unmittelbar an die persönliche Lebenswirklichkeit der Befragten anknüpfen, etwa in der Form:

„Wenn in einer Entfernung von etwa 600 Metern von Ihrem Wohnort eine Windenergieanlage errichtet werden soll – wären Sie unter diesen Umständen dafür, und wenn ja, aus welchen Gründen?“

Bereits diese veränderte Formulierung führt zu einer anderen Ausgangslage, da sie den abstrakten Bewertungsrahmen verlässt und die Entscheidung in eine konkrete Situation überführt, in der nicht mehr ein allgemeines Prinzip, sondern eine unmittelbare Betroffenheit zur Beurteilung steht. Die Antwort, die unter diesen Bedingungen entsteht, ist nicht notwendigerweise widersprüchlich zu der zuvor gegebenen, wohl aber von anderer Qualität, da sie sich nicht mehr auf eine abstrakte Zustimmung zu einem politischen Ziel bezieht, sondern auf die Bewertung eines konkreten Eingriffs in das eigene Lebensumfeld.

Damit verändert sich nicht nur der Inhalt der Antwort, sondern auch ihre Struktur. Während die ursprüngliche Fragestellung eine generelle Haltung abfragt und damit Antworten hervorbringt, die sich an übergeordneten Kategorien orientieren, zwingt die alternative Formulierung zu einer Abwägung im Einzelfall, in der Aspekte wie Nähe, Sichtbarkeit, Geräuschentwicklung oder persönliche Betroffenheit eine Rolle spielen können, ohne dass diese Faktoren zuvor ausdrücklich benannt werden müssten.

Gerade dieser Unterschied macht die Wirkung des Bias sichtbar. Denn es zeigt sich, dass nicht nur die Antworten variieren, sondern dass unterschiedliche Fragen unterschiedliche Arten von Antworten erzeugen, sodass die Ergebnisse einer Untersuchung stets in Relation zu der Art der Fragestellung zu sehen sind, aus der sie hervorgegangen sind. Für das betrachtete Exempel bedeutet dies, dass die ausgewiesenen Zustimmungswerte nicht als allgemeingültige Haltung gegenüber der Windenergie verstanden werden können, sondern als Ergebnis einer spezifischen Fragelogik, die bestimmte Perspektiven begünstigt und andere in den Hintergrund treten lässt. Die entscheidende Erkenntnis liegt damit nicht in der einen oder der anderen Antwort, sondern in der Einsicht, dass jede Antwort an die Frage gebunden ist, aus der sie hervorgeht. Oder in einer zugespitzten Formulierung:

Nicht die Menschen ändern ihre Meinung – die Fragestellung legt das Ergebnis fest, bevor es überhaupt gemessen wird.


© Jürgen Krewer 2026 - all gights reserved