Über ein neues akademisches Milieu der Energiewende
Die sogenannte Akzeptanzforschung macht diese Entwicklung besonders sichtbar. Betrachtet man zahlreiche Projekte und Fragestellungen genauer, fällt eine auffällige Verschiebung auf. Im Mittelpunkt steht längst nicht mehr nur die Beschreibung technischer Wirklichkeit, sondern die Frage, wie gesellschaftliche Zustimmung erzeugt, stabilisiert und organisatorisch begleitet werden kann.
Welche Kommunikationsstrategien fördern Akzeptanz? Welche Beteiligungsformate reduzieren Widerstände? Welche Narrative stärken gesellschaftliche Unterstützung? - Auf den ersten Blick wirken solche Fragestellungen vernünftig und pragmatisch. Und doch zeigt sich darin ein kultureller Wandel, der weit über technische oder kommunikative Fragen hinausreicht. Gesellschaftliche Zustimmung wird selbst zum Gegenstand wissenschaftlicher Bearbeitung.
Mit der Zeit entsteht daraus eine neue Nähe zwischen Wissenschaft und politischer Zielsetzung. Forschung beobachtet gesellschaftliche Prozesse nicht länger ausschließlich aus analytischer Distanz. Sie beteiligt sich daran, gesellschaftliche Transformation praktisch zu begleiten, kommunikativ zu stabilisieren und gesellschaftlich anschlussfähig zu halten. Die Rolle der Wissenschaft verschiebt sich dadurch langsam — weg von der distanzierten Beobachtung, hin zur aktiven Begleitung gesellschaftlicher Entwicklung.
Das Transformationsmilieu
Die Ambivalenz des modernen Transformationsmilieus zeigt sich genau an diesem Punkt. Die meisten Beteiligten verstehen sich nicht als politische Akteure. Viele handeln in ehrlicher Überzeugung, an einem notwendigen Zukunftsprojekt mitzuwirken. Darin gewinnen solche Strukturen ihre Stabilität. Offenen Zwang oder zentrale Steuerung benötigen sie kaum. Es genügt, dass sich moralische Überzeugung, politische Zielsetzung, wissenschaftliche Legitimation, regulatorische Verfahren und institutionelle Förderung in dieselbe Richtung bewegen.
Je dichter ein solches Milieu wird, desto schwieriger wird echte Außenperspektive. Wer sich dauerhaft innerhalb desselben politischen, wissenschaftlichen und administrativen Koordinatensystems bewegt, verliert oft unmerklich die Fähigkeit, fundamentale Gegenfragen überhaupt noch als gleichwertig wahrzunehmen. Kritik erscheint dann nicht mehr als notwendiger Bestandteil offener Erkenntnissuche, sondern als Hindernis eines normativ vorgezeichneten Fortschritts.
Wissenschaft als politische Strukturkraft
Damit verändert sich langfristig auch die Stellung des Einzelnen. Der Bürger begegnet einem solchen System nicht mehr nur als Wähler, Betroffener oder Einwender. Vor ihm entsteht ein Geflecht aus Gutachten, Forschungsprojekten, Kommunikationsstrategien, Förderstrukturen, Fachbehörden, regulatorischen Verfahren und politischen Zielvorgaben, die sich gegenseitig stabilisieren und legitimieren. Auf der einen Seite stehen Ministerien, Hochschulen, Projektträger, wissenschaftliche Institute und Verwaltungsebenen. Auf der anderen Seite steht häufig ein einzelner Mensch mit seinem unmittelbaren Lebensumfeld, seiner Wahrnehmung und dem Versuch, innerhalb hochkomplexer Systeme überhaupt noch Gehör zu finden.
So entsteht in vielen Infrastrukturkonflikten das Gefühl, keiner offenen politischen Debatte mehr gegenüberzustehen, sondern einem Apparat, dessen Richtung bereits festgelegt ist. Die Erfahrung von Ohnmacht entsteht dabei meist nicht durch offene Unterdrückung. Wahrgenommen wird vielmehr, dass Wissenschaft, Politik, Verwaltung, Förderung und Planung innerhalb desselben Zielsystems operieren.
Darin liegt die kulturelle Veränderung unserer Zeit. Wissenschaft versteht sich nicht mehr nur als Institution der Erkenntnis, sondern zugleich als Instrument gesellschaftlicher Gestaltung. Sie produziert nicht mehr ausschließlich Wissen über die Welt, sondern beteiligt sich aktiv daran, wie diese Welt künftig organisiert werden soll.
Das muss nicht zwangsläufig autoritäre Formen annehmen. Dennoch verändert sich dadurch die innere Architektur demokratischer Gesellschaften. Demokratien leben nicht allein von Wahlen und Verfahren. Sie leben ebenso von offenen Denk- und Deutungsräumen, von echter Distanz zwischen Macht und Erkenntnis sowie von der Möglichkeit, politische Zielsetzungen grundsätzlich infrage stellen zu können.
Sobald wissenschaftliche Institutionen selbst Teil gesellschaftlicher Zielsysteme werden, beginnt diese Distanz langsam zu verschwinden. Wissenschaft verliert dann schrittweise ihre frühere Rolle als unabhängiger Beobachter und wird zunehmend Bestandteil eines politischen und kulturellen Gesamtprojekts.
Ist genau das die eigentliche Bedeutung der modernen Transformationswissenschaft? Nicht dass sie Wissen über gesellschaftlichen Wandel produziert — sondern dass sie selbst längst zu einem der stärksten Werkzeuge politischer Interessen geworden ist.

© Jürgen Krewer 2026 - all rights reserved