Wie moderne Wissenschaftskommunikation Zustimmung vorbereitet, bevor das eigentliche Argument beginnt
Nicht jede Form gesellschaftlicher Beeinflussung arbeitet mit offenen Forderungen oder direkter Überzeugungsarbeit. Oft beginnt Wirkung erheblich früher – mit Bildern, Begriffen, Mehrheitsnarrativen und der stillen Vorbereitung bestimmter Deutungen. Am Beispiel einer Veröffentlichung des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) rekonstruiert dieser Beitrag, wie insinuative Kommunikationsstrukturen funktionieren, warum einzelne Informationen dabei nicht unwahr sein müssen und weshalb ihre Wirkung dennoch weit über die dokumentierte Aussage hinausreichen kann.
Insinuation gehört zu den wirksamsten und zugleich am wenigsten offen thematisierten Kommunikationsformen moderner Gesellschaften. Gemeint ist damit eine Form indirekter Bedeutungslenkung, bei der Wirkung nicht in erster Linie durch offene Behauptungen entsteht, sondern durch Bilder, Begriffe, Rahmungen und die stille Vorbereitung bestimmter Deutungen. Nicht das ausdrücklich Gesagte steht dabei im Mittelpunkt, sondern das, was beim Leser allmählich als selbstverständlich, plausibel oder moralisch richtig zu wirken beginnt. Ihre Wirkung entfaltet Insinuation oft schon lange bevor das eigentliche Argument erscheint. Wahrnehmung wird vorbereitet, Stimmungen werden erzeugt, bestimmte Assoziationen nahegelegt. Gerade in der modernen Wissenschafts- und Transformationskommunikation treten solche Mechanismen immer häufiger auf, weil gesellschaftliche Steuerung heute nur noch selten über offene politische Forderungen funktioniert. Stattdessen wirken Narrative, Bilder, Mehrheitsvorstellungen und moralische Plausibilitäten zunehmend gemeinsam.
Der nachfolgende Beitrag untersucht diesen Mechanismus exemplarisch anhand einer Veröffentlichung des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) vom 05.06.2025 mit dem Titel „Ein ermutigender Befund zur Akzeptanz globaler Klimapolitik“. Dabei geht es ausdrücklich nicht um die Frage, ob Klimaschutz richtig oder falsch sei. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Art, wie bestimmte politische Vorstellungen bereits vor dem eigentlichen Argument emotional, sprachlich und visuell vorbereitet werden.
Noch bevor der Leser den ersten Absatz der PIK-Veröffentlichung erreicht, beginnt dieser Vorgang bereits mit der Wahrnehmung eines exponiert dargestellten „Beleg“-Fotos innerhalb des Artikels auf der Webseite: Zu sehen ist eine alltägliche ostafrikanische Grenz- und Marktszene zwischen Kenia und Uganda. Menschen bewegen sich zwischen Motorrädern, Fahrrädern, Verkaufsständen und Lastwagen durch eine ruhige, geordnete und regionaltypische Straßenlandschaft. Sichtbar werden Handel, Mobilität, öffentliche Aktivität und infrastrukturelle Einfachheit. Nicht sichtbar werden hingegen Klimaproteste, politische Mobilisierung, Katastrophenszenarien, Überschwemmungen, Dürre oder sonstige unmittelbar erkennbare Folgen klimatischer Veränderungen.
Das Foto dokumentiert jedoch lediglich eine regionaltypische Alltagsszene. Seine politische Bedeutung entsteht erst durch die Einbettung innerhalb des Artikels sowie durch die unmittelbar darunter platzierte Bildunterschrift: „Für Klimaschutz in ärmeren Ländern gibt es im reichen globalen Norden durchaus Zahlungsbereitschaft.“ Eine gesonderte KI-gestützte Recherche zur kulturellen Beschreibung typischer Marktstrukturen in der Grenzregion Kenia/Uganda bestätigt diesen Eindruck zusätzlich. Auf die Aufforderung, einen für die Region typischen Markt kultureller Prägung zu beschreiben, rekonstruiert die Analyse weder Krise noch Klimabetroffenheit, sondern Alltag, Handel, Sprache, Musik und soziale Lebendigkeit. Beschrieben wird kein Ausnahmezustand, sondern ein gewöhnlicher regionaler Grenzmarkt mit öffentlichem Leben und wirtschaftlicher Aktivität.
Die eigentliche politische Bedeutung liegt damit nicht im Bild selbst. Sie entsteht erst in der Verbindung zwischen Bild, Bildunterschrift und thematischem Kontext. Aus einer gewöhnlichen Straßenszene wird auf diese Weise ein stiller Träger globaler Verantwortung, finanzieller Transferlogik und klimabezogener Schutzbedürftigkeit, ohne dass das Foto selbst eine konkrete Klimabetroffenheit dokumentieren würde. Genau darin zeigt sich die besondere Wirkung visuellen Framings: Nicht das Sichtbare allein prägt die Wahrnehmung, sondern die Art, wie das Sichtbare in einen größeren Zusammenhang eingebettet wird. Bedeutung entsteht nicht erst im Argument. Sie beginnt bereits im Moment der Betrachtung.
Bereits die Webadresse der Veröffentlichung verweist auf den eigentlichen Charakter des Textes. Die Quelle lautet:
Die Veröffentlichung befindet sich nicht in einem nüchternen Forschungsarchiv oder innerhalb einer rein wissenschaftlichen Dokumentationsstruktur, sondern ausdrücklich im Nachrichten- und Kommunikationsbereich des Instituts. Allein daraus wird erkennbar, dass der Text nicht nur wissenschaftliche Ergebnisse dokumentieren, sondern zugleich gesellschaftlich wirken soll. Dieser Zusammenhang ist wichtig. Das PIK tritt seit Jahren nicht mehr ausschließlich als Forschungseinrichtung in Erscheinung, sondern zunehmend auch als kommunikativ wirkender Akteur innerhalb gesellschaftlicher Klima- und Transformationsdebatten. Gerade beim Ausbau erneuerbarer Energien und insbesondere der Windenergie verschwimmen die Grenzen zwischen Forschung, Politikberatung, gesellschaftlicher Kommunikation und öffentlicher Legitimation zunehmend miteinander.
Der hier untersuchte Text wirkt deshalb nicht wie eine rein neutrale Darstellung einer Umfrage. Bereits Titel, Bildsprache und sprachliche Rahmung erzeugen Schritt für Schritt den Eindruck einer gesellschaftlich bereits weitgehend legitimierten Transformationsrichtung. Zustimmung soll dabei nicht nur beschrieben werden. Sie beginnt allmählich selbst wie eine gesellschaftliche Normalität zu wirken.Einzelne Bilder, Begriffe und Formulierungen verstärken sich dabei gegenseitig, bis beim Leser langsam das Gefühl entsteht, bestimmte politische Entwicklungen seien gesellschaftlich längst akzeptiert und im Grunde nur noch organisatorisch umzusetzen. Genau an dieser Stelle beginnt die insinuative Wirkung des Textes.
Um dem Einwand selektiver Zuspitzung vorzubeugen, erfolgt die nachfolgende Auswahl einzelner Passagen nicht nach subjektiver Präferenz, sondern über eine offen dargestellte Zufallsmethode innerhalb der zuvor vollständig nummerierten Gesamtpassagen. Die Methode dient dabei nicht der Suche nach einzelnen „Ausreißern“, sondern der Frage, ob sich insinuative Muster unabhängig von der konkret ausgewählten Passage wiederholt rekonstruieren lassen.
Die Auswahlformel lautet:
Dabei gilt:
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- 24 = Gesamtzahl der zuvor dokumentierten Passagen
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Die Formel erzeugt vier verteilte Auswahlpunkte innerhalb der Gesamtstruktur des Textes. Gerade ihre Beliebigkeit besitzt hierbei Bedeutung. Wenn selbst formelbasierte Auswahlpunkte wiederholt ähnliche insinuative Muster erkennen lassen, spricht dies eher für eine wiederkehrende Kommunikationsstruktur als für bloße Zufälligkeit einzelner Formulierungen.
Die Auswahl ergibt folgende Passagen:
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- Beispiel 1 → Passage 19
„kritisches Thema“ - Beispiel 2 → Passage 8
„positiv überrascht“ - Beispiel 3 → Passage 21
„Missverständnisse und Fehlwahrnehmungen“ - Beispiel 4 → Passage 10
„Zuspruch für Klimapolitik“
- Beispiel 1 → Passage 19
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Bereits die erste zufällig ausgewählte Passage zeigt die semantische Arbeitsweise des Textes recht deutlich. Die Formulierung „kritisches Thema“ wirkt zunächst harmlos und beinahe selbstverständlich. Im Zusammenhang des Artikels verschiebt sich der Fokus jedoch bemerkenswert: Nicht die Klimapolitik selbst erscheint als kritisches Thema, sondern die „Akzeptanz in der Bevölkerung“. Zustimmung wird dadurch weniger als offener demokratischer Prozess behandelt, sondern zunehmend als notwendiger Stabilitätsfaktor einer bereits vorausgesetzten politischen Richtung. Die Bevölkerung erscheint damit nicht mehr nur als politischer Souverän, sondern zugleich als Größe, deren Zustimmung gesichert und stabilisiert werden muss. Genau darin liegt die insinuative Verschiebung der Perspektive.
Auch die Formulierung „positiv überrascht“ wirkt zunächst unscheinbar. Tatsächlich transportiert sie jedoch weit mehr als eine bloße wissenschaftliche Beobachtung. Zustimmung erscheint dadurch nicht nur vorhanden, sondern zugleich erfreulich, ermutigend und gesellschaftlich wünschenswert. Wissenschaftliche Distanz verbindet sich subtil mit emotionaler Bewertung. Der Leser soll die präsentierte Zustimmung nicht nur registrieren, sondern als positives gesellschaftliches Signal empfinden.
Besonders interessant wird die insinuative Struktur bei der Passage „Missverständnisse und Fehlwahrnehmungen“. Gesellschaftliche oder politische Ablehnung erscheint dadurch zumindest teilweise nicht mehr als Folge legitimer Interessenkonflikte oder rationaler Abwägung, sondern als mögliches Wahrnehmungsproblem. Kritik gerät damit unterschwellig unter den Verdacht fehlerhafter Information oder unzureichender Einsicht. Der Text formuliert dies nicht offen. Gerade darin liegt seine Wirkung.
Ähnlich arbeitet auch die Formulierung „Zuspruch für Klimapolitik“. Der Begriff „Zuspruch“ wirkt deutlich stärker als eine neutrale Beschreibung statistischer Zustimmung. Klimapolitik erscheint dadurch nicht mehr primär als kontroverses politisches Projekt, sondern zunehmend als gesellschaftlich getragene Normalität. Die Umfrage beschreibt Zustimmung nicht nur. Sie beginnt zugleich selbst an ihrer gesellschaftlichen Stabilisierung mitzuwirken.
Die vorstehenden Beispiele wurden nicht deshalb ausgewählt, weil sie besonders spektakulär erscheinen, sondern weil bereits wenige zufällig erzeugte Auswahlpunkte ausreichen, um wiederkehrende Muster sichtbar zu machen: moralische Rahmung, psychologische Stabilisierung von Zustimmung, Mehrheitsnormalisierung und die stille Verschiebung gesellschaftlicher Konflikte in den Bereich von Wahrnehmungs- und Kommunikationsproblemen. Die Wirkung entsteht dabei nicht durch offene politische Agitation. Sie entsteht durch die fortlaufende Verbindung scheinbar neutraler Informationen mit emotionalen, moralischen und psychologisch plausibilisierenden Bedeutungsebenen. Einzelne Bilder, Begriffe und Formulierungen beginnen sich dabei gegenseitig zu verstärken, bis beim Leser allmählich der Eindruck entsteht, bestimmte politische Entwicklungen seien gesellschaftlich längst legitimiert und im Grunde nur noch organisatorisch umzusetzen.
Die hier untersuchte Veröffentlichung steht dabei nicht isoliert. Vielmehr verweist sie auf ein größeres kommunikatives Muster, das sich heute in vielen öffentlichen Debatten beobachten lässt. Wissenschaftliche Autorität, moralische Anschlussfähigkeit, Mehrheitsnarrative und sprachliche Vorprägung verschmelzen zunehmend zu einer gemeinsamen Wirkungsstruktur. Genau an dieser Stelle berührt sich Insinuation mit jenem Mechanismus, der heute häufig unter dem Begriff des „Bias“ diskutiert wird.
Während Bias Wahrnehmung und Bewertung in bestimmte Richtungen verschiebt, arbeitet Insinuation subtiler. Sie erzeugt Bedeutung nicht durch offene Verzerrung, sondern durch Auswahl, Kontext, Wiederholung und psychologische Anschlussfähigkeit. Beide Mechanismen wirken dabei oft gemeinsam. Bias beeinflusst den Blick auf Wirklichkeit. Insinuation beeinflusst die Wirkung dieser Wirklichkeit innerhalb gesellschaftlicher Wahrnehmung.
Wie solche Wahrnehmungsverschiebungen bereits vor der eigentlichen Messung gesellschaftlicher Zustimmung entstehen können, wurde auf windexzess.de bereits im Zusammenhang mit der öffentlichen Debatte über Windenergie ausführlicher untersucht:
Bias und die Zustimmung zur Windenergie – Warum Ergebnisse entstehen, bevor sie gemessen werden
Hinzu kommt, dass Veröffentlichungen dieser Art selten isoliert wirken. Sie werden zitiert, journalistisch aufgegriffen, politisch referenziert und über zahlreiche gesellschaftliche Multiplikatoren weitergetragen. Mit jeder Wiederholung verstärken sich dabei bestimmte Begriffe, Mehrheitsvorstellungen und moralische Rahmungen gegenseitig. Zustimmung erscheint auf diese Weise nicht mehr lediglich messbar, sondern zunehmend gesellschaftlich selbstverständlich.
Man darf gespannt sein, wie sich die Wirkung solcher Kommunikationsstrukturen künftig statistisch in gesellschaftlichen Zustimmungswerten wiederfinden wird. Vielleicht liegt genau darin eine der entscheidenden Veränderungen moderner Kommunikationsgesellschaften: Nicht die einzelne Information muss unwahr sein. Die Wirkung entsteht erst aus ihrer Verbindung.
Wahrheit oder Wirkung? – Das ist die Frage.

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