Zum Inhalt springen

Vom Regenwald zum Rotorblatt

Vom Regenwald zum Rotorblatt – die unterschätzte Rohstoffkette der Windenergie

Eine Betrachtung über Balsaholz, Amazonas-Politik und deutsche Energiewirtschaft.

von Jürgen Krewer

Ein bislang wenig beachteter Aspekt der globalen Energiewende betrifft die Rohstoffe, die für den Bau moderner Windkraftanlagen benötigt werden. Rotorblätter großer Windenergieanlagen bestehen heute meist aus mehrschichtigen Faserverbundstrukturen. Zwischen den äußeren Schichten aus Glas- oder Carbonfaser befindet sich häufig ein leichter Kern aus Balsaholz der tropischen Baumart Ochroma pyramidale. Das Material verbindet ein sehr geringes Gewicht mit hoher Druckfestigkeit und eignet sich deshalb besonders für großdimensionierte Rotorblätter.

Der weltweit wichtigste Lieferant dieses Rohstoffs ist Ecuador. Schätzungen zufolge stammen zeitweise bis zu 80–90 Prozent des international gehandelten Balsaholzes aus diesem Land. Mit dem starken Ausbau der Windenergie ab etwa 2019 stieg auch die Nachfrage nach Balsa deutlich an. In Ecuador führte dies zu einem regelrechten Rohstoffboom, der lokal mit steigenden Holzpreisen, intensiver Einschlagaktivität und teilweise auch mit Konflikten über Waldnutzung verbunden war. Beobachter berichten aus einzelnen Amazonasregionen von kurzfristigen Einschlagwellen, bei denen Händler gezielt in bislang kaum erschlossene Waldgebiete vordrangen. Parallel zu dieser Entwicklung intensivierte Deutschland seine entwicklungspolitische Zusammenarbeit mit Ecuador. Politisch verantwortet wird diese Kooperation durch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Bundesministerin war in diesem Zeitraum Svenja Schulze, die das Amt vom 8. Dezember 2021 bis zum 6. Mai 2025 im Kabinett von Bundeskanzler Olaf Scholz innehatte.

Im Oktober 2022 fanden in Quito bilaterale Regierungsverhandlungen statt, bei denen Deutschland Fördermittel in Höhe von rund 102,5 Millionen Euro zusagte. Offiziell dienen diese Programme dem Biodiversitätsschutz, der nachhaltigen Nutzung biologischer Ressourcen sowie der nachhaltigen Land- und Waldwirtschaft. Umgesetzt werden sie unter anderem über die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit und die KfW Entwicklungsbank.

Vor diesem Hintergrund entsteht eine bemerkenswerte Parallelität: Während deutsche Entwicklungsprogramme in Ecuador die nachhaltige Nutzung tropischer Waldressourcen fördern sollen, wächst gleichzeitig die Nachfrage der europäischen Windindustrie nach genau solchen Rohstoffen. Balsaholz bildet dabei einen wichtigen Bestandteil der industriellen Lieferkette moderner Windkraftanlagen. Hersteller von Windturbinen und Rotorblättern – etwa Siemens Gamesa Renewable Energy, Nordex SE oder Enercon GmbH – verwenden in vielen Rotorblattkonstruktionen weiterhin Balsa-Kernmaterialien oder Mischstrukturen aus Balsa und synthetischen Schäumen. Damit lässt sich eine Rohstoffkette nachzeichnen, die von den Regenwaldregionen des Amazonas bis in die industrielle Fertigung europäischer Windkraftanlagen reicht. Am Anfang steht der Einschlag eines schnell wachsenden Tropenbaums in Ecuador. Über internationale Holzhändler gelangt das Material in die Produktionsketten der Verbundstoff- und Rotorblattindustrie. Am Ende steht ein Bauteil der europäischen Energiewende – das Rotorblatt einer Windkraftanlage. Diese Verbindung bedeutet nicht automatisch, dass Entwicklungsprogramme gezielt der Sicherung von Rohstoffen für die Windindustrie dienen. In den offiziellen Programmunterlagen wird Balsaholz nicht ausdrücklich erwähnt. Gleichwohl zeigt die zeitliche und strukturelle Parallelität der Entwicklungen ein grundlegendes Spannungsfeld: Die Energiewende erhöht die Nachfrage nach bestimmten Naturrohstoffen, während entwicklungspolitische Programme gleichzeitig versuchen, deren Nutzung "ökologisch verträglicher" zu gestalten.

Die politischen Aktivitäten Deutschlands im Amazonasraum beschränkten sich dabei nicht allein auf das Entwicklungsministerium. Auch andere Mitglieder der Bundesregierung suchten in den vergangenen Jahren den politischen Austausch mit Staaten der Region. So reiste Robert Habeck, Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz, im Jahr 2023 nach Brasilien, um dort Gespräche über Energiepolitik, industrielle Kooperation und Klimaschutz zu führen. Dabei spielte auch der Schutz des Amazonas-Regenwaldes eine wichtige Rolle. Ebenso bemühte sich Cem Özdemir, Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft, im Rahmen von Delegationsreisen nach Brasilien und in andere südamerikanische Staaten um Gespräche über nachhaltige Landwirtschaft, Biodiversität und Lieferketten.

Damit zeigt sich ein breiteres politisches Muster: Mehrere deutsche Ressorts engagieren sich diplomatisch und entwicklungspolitisch im Amazonasraum, während gleichzeitig die europäische Industrie – insbesondere im Kontext der Energiewende – auf Rohstoffe angewiesen ist, die teilweise aus genau diesen Regionen stammen. Die politische Programmatik betont dabei regelmäßig den Schutz der Regenwälder und nachhaltige Lieferketten. Zugleich bleibt die Frage bestehen, wie sich diese Ziele langfristig mit der steigenden globalen Nachfrage nach natürlichen Rohstoffen aus tropischen Waldregionen vereinbaren lassen.

Am Beispiel des Balsaholzes wird damit ein grundlegendes Problem sichtbar. Technologien zur Reduktion von CO₂-Emissionen sind selbst Teil globaler Rohstoffketten. Ihre ökologische Bilanz hängt daher nicht nur von der Stromproduktion ab, sondern auch von den Materialien, aus denen sie gebaut werden – und von den Landschaften, aus denen diese Materialien stammen.