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Der Backstein der Weisen – Warum es keine erneuerbare Energie gibt

Der Backstein der Weisen – Warum es keine erneuerbare Energie gibt

Ein Backstein fällt. Ein Begriff zerbricht. Was als „erneuerbar“ bezeichnet wird, wirkt selbstverständlich und plausibel – doch was, wenn genau diese Selbstverständlichkeit auf einer falschen Vorstellung beruht? Was, wenn ein Wort mehr erklärt, als tatsächlich geschieht?

Der Backstein

Ich benötige einen Backstein. Nicht irgendwann, sondern jetzt. Es geht nicht um ein Bauvorhaben, sondern um ein Experiment.

Also fahre ich nach Kleinblittersdorf, direkt zur Backsteinfabrik. Lieferung wäre möglich, aber sie kostet. Ab Werk ist es günstiger. Also hole ich ihn selbst. Doch bereits hier beginnt etwas, das man leicht übersieht: Der Backstein kommt nicht einfach zu mir – ich hole ihn mir unter Einsatz von Energie. Ich starte den Motor, verbrauche Kraftstoff, bewege ein Fahrzeug, das ein Vielfaches meines eigentlichen Ziels wiegt. Ich trage den Backstein, hebe ihn, verlade ihn, transportiere ihn. All das ist Arbeit. All das kostet Energie.

Am Ende halte ich ihn in der Hand. Ein unscheinbarer Gegenstand, rechteckig, fest gebrannt. Und doch steckt in ihm bereits ein erheblicher Aufwand: Erde wurde ausgehoben, transportiert, geformt und bei hohen Temperaturen gebrannt. Energie wurde eingesetzt, verteilt und teilweise als Wärme an die Umgebung abgegeben. Auch sein Weg zu mir hat weitere Energie verbraucht. Dieser Backstein ist kein Anfang. Er ist ein Zwischenpunkt.

Zu Hause beginne ich mit meinem Versuch. Im Garten lehne ich eine Leiter an meinen Nussbaum, nehme den Backstein und steige nach oben. Stufe für Stufe arbeite ich gegen die Schwerkraft. Ich bringe den Stein in eine Höhe, in der er Energie besitzt, die er vorher nicht hatte, und lasse ihn fallen. Er trifft auf weiche Erde und bleibt heil. Die Energie verschwindet dabei nicht. Sie geht in die Verformung des Bodens über, in Wärme und in Schall. Sie verteilt sich in der Umgebung, wird schwächer und gleichmäßiger, bis sie nicht mehr nutzbar ist. Ich wiederhole den Vorgang am Haus. Wieder trage ich ihn nach oben, wieder setze ich Energie ein. Diesmal fällt er auf Beton. Der Aufprall ist härter, kürzer, endgültiger. Der Backstein zerbricht. Ein Teil der Energie wird nun zusätzlich dafür verwendet, seine innere Struktur zu zerstören, während der Rest sich erneut als Wärme und Schall verteilt.

Die Energie ist nicht verschwunden, sondern ganz einfach nicht mehr nutzbar. Ein einfacher Versuch, zwei unterschiedliche Ergebnisse. Und eine naheliegende Frage:

Kann ich diesen Backstein erneuern?


Sprache

Das Wort „erneuern“ wirkt eindeutig, ist es aber nicht. Es setzt sich aus „er-“ und „neu“ zusammen und bedeutet wörtlich, etwas wieder in den Zustand des Neuen zu versetzen. Doch es lässt offen, wie dieser Zustand erreicht wird. Die Semantik – also die wörtliche Bedeutung eines Wortes – beschreibt eine Wiederherstellung. Die Konnotation – also die mitschwingende Bedeutung, das Gefühl, das ein Wort auslöst – geht darüber hinaus und suggeriert eine Rückkehr zum Ursprünglichen.

Eine besondere Rolle spielt dabei der Gebrauch im nicht-materiellen Bereich. Ein Versprechen kann man „erneuern“. Gemeint ist damit keine Wiederherstellung, sondern eine erneute Erklärung – eine Bekräftigung. Das Versprechen wird nicht repariert, sondern wiederholt. Hier funktioniert „erneuern“ als sprachliche Abkürzung: Es klingt nach Kontinuität, meint aber einen neuen Akt gleichen Inhalts.

Im materiellen Bereich verhält es sich anders. Im Alltag bedeutet „erneuern“ fast immer: Das Alte wird entfernt und durch etwas Neues ersetzt. Es handelt sich nicht um Wiederherstellung, sondern um Austausch. Das Wort verschleiert damit den tatsächlichen Vorgang – nämlich neuen Aufwand an Rohstoffen und Energie.

Das Wort „Energie“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet „Wirksamkeit“ oder „Tätigkeit“. Energie ist nichts Greifbares, sondern die Fähigkeit, etwas zu bewirken. Sie zeigt sich in Bewegung, in Lage, in Wärme, in chemischen und elektrischen Prozessen. Diese Formen lassen sich ineinander umwandeln. Doch dabei geschieht immer dasselbe: Ein Teil wird als Wärme verteilt.


Physik

Im Versuch mit dem Backstein wird genau das sichtbar. Wird der Stein angehoben, wird Energie eingesetzt. Diese steckt zunächst als Lageenergie im Stein. Beim Fallen wird sie in Bewegung umgesetzt und beim Aufprall vollständig umgewandelt. Fällt der Stein auf weiche Erde, bleibt er heil, die Energie verteilt sich in Boden, Wärme und Schall. Fällt er auf Beton, zerbricht er, und ein Teil der Energie zerstört seine Struktur, während der Rest sich ebenfalls verteilt.

In beiden Fällen gilt: Die Energie ist nicht verschwunden. Aber sie ist nicht mehr nutzbar.

Energie kann man nicht erneuern – so wenig wie einen zerbrochenen Backstein wieder ganz machen.
Sie verschwindet nicht, aber sie verteilt sich und wird dabei unbrauchbar. Wer denselben Zustand noch einmal haben will, muss die Energie neu aufbringen – immer wieder von vorn.

Daraus folgt:

Energie lässt sich nicht erneuern.
Es gibt keine erneuerbare Energie.


Begriff und Wirklichkeit

Die Frage nach dem Ursprung des Begriffs „erneuerbare Energie“ führt nicht zu einem einzelnen Datum. Der Begriff entsteht im 20. Jahrhundert und setzt sich vor allem seit den 1970er Jahren im Zuge der Ölkrisen durch. Spätestens seit den 1990er Jahren ist er fest etabliert. Er stammt nicht aus der Physik, sondern aus Politik, Forschung und gesellschaftlicher Debatte.

Der Begriff „erneuerbar“ wirkt unmittelbar verständlich. Er legt nahe, dass etwas, das verbraucht wurde, wieder entsteht. Dass ein Verbrauch nicht endgültig ist. Dass das Genutzte in irgendeiner Form zurückkehrt. Genau darin liegt seine Wirkung. Das Wort erzeugt das Bild eines Kreislaufs: Energie wird genutzt, verschwindet aber nicht wirklich, sondern steht erneut zur Verfügung. Es klingt nach einem System ohne Ende, nach fortlaufender Verfügbarkeit ohne echten Verlust. Der Begriff „erneuerbar“ legt also etwas nahe, das so nicht stattfindet. Er beschreibt keinen tatsächlichen Vorgang, sondern erzeugt ein bestimmtes Verständnis davon.

Der Begriff „erneuerbare Energie“ ist nicht zufällig entstanden. Man brauchte ein Wort, das einfach klingt und gut verständlich ist, als neue Energieformen eingeführt und akzeptiert werden sollten. „Erneuerbar“ erfüllt genau das. Das Wort klingt positiv. Es vermittelt das Gefühl, dass immer wieder genug da ist, dass nichts wirklich zu Ende geht. Es klingt nach Sicherheit und Zukunft. Der Begriff wurde von konkreten Akteuren geprägt und verbreitet: von Regierungen, Energiepolitikern, Wissenschaftlern und Umweltbewegungen – vor allem seit den 1970er Jahren im Zuge der Ölkrisen. In Deutschland ist er eng mit Bündnis 90/Die Grünen verbunden, die ihn zu einem zentralen Bestandteil ihrer politischen Programmatik gemacht haben.

Aus den vorangegangenen Überlegungen ergibt sich eine einfache Feststellung: Energie kann nicht erneuert werden. Genau auf dem Begriff „erneuerbar“ baut jedoch die sogenannte Energiewende auf. Damit wird ein Begriff zum Fundament eines gesamten Konzepts, der das, was er bezeichnet, nicht abbildet. Die Konsequenz liegt offen zutage: Wird ein physikalisch nicht zutreffender Begriff zur Grundlage einer politischen und gesellschaftlichen Entwicklung gemacht, entsteht eine Vorstellung von Wirklichkeit, die von der tatsächlichen Wirklichkeit abweicht. Auf dieser Abweichung bauen Maßnahmen, Entscheidungen und Erwartungen auf. Das zeigt sich besonders deutlich dort, wo das Konzept in die Fläche umgesetzt wird. Der Ausbau von Windenergieanlagen ist kein abstraktes Modell, sondern ein realer Eingriff in Landschaft, Raum und Lebensumfeld. Große Teile der Fläche werden in Anspruch genommen, technisch überprägt und dauerhaft verändert – getragen von der Vorstellung, hier werde „erneuerbare“ Energie gewonnen. Gerade hier wird die Diskrepanz sichtbar: Die eingesetzte Energie wird nicht erneuert, sondern fortlaufend neu bereitgestellt, unter erheblichem materiellem und räumlichem Aufwand. Die Fläche wird zum Träger eines Systems, das auf einem Begriff beruht, der den zugrunde liegenden Vorgang nicht beschreibt.

Diese Vorstellung ist heute allgegenwärtig. Sie prägt die mediale Berichterstattung in hoher Dichte, sie durchzieht politische Aussagen und sie bildet die Grundlage gesetzlicher Regelungen, die im Zuge der sogenannten Energiewende beschlossen wurden und nun konkret greifen. Was lange als Konzept formuliert wurde, wird sichtbar – in Maßnahmen, in Infrastruktur, in der Fläche. Dabei wirkt der Begriff weiter. Er transportiert ein Verständnis von Energie, das sich von den physikalischen Gegebenheiten löst, und bleibt zugleich handlungsleitend für politische Entscheidungen und deren Umsetzung.

Vor diesem Hintergrund stellt sich eine naheliegende Frage: Wie ist ein Begriff zu bewerten, der eine nicht zutreffende Vorstellung nahelegt und zugleich Grundlage weitreichender gesellschaftlicher Veränderungen ist? Eine mögliche Antwort liegt auf der Hand:

Eine solche Verwendung kann als Täuschung verstanden werden.